D03: Projekt – The Inconvience Space

Bis Anfang März waren Abstand und Nähe Themen, die die meisten von uns eher auf den Beziehungsratgeberseiten einschlägiger Zeitschriften verortet hätten. Inzwischen ist uns das Messen in Fleisch und Blut übergegangen. Wie viel Abstand muss sein, damit ich sicher bin? Wie viel Nähe darf ich zulassen, damit meine alten Eltern noch sicher sind? Wie halten meine Freunde das eigentlich mit den Abstandsregeln? Bleibt das jetzt so, dass jede Verabredung auch erstmal ein gegenseitiges Abtasten bedeutet, wie viel Nähe für den/die anderen noch in Ordnung ist? Und habe ich tatsächlich gerade versucht, bei meinem Nachbarn, der mir beim Einkaufen auf dem Markt so dicht auf die Pelle rückt, eine Risikobewertung danach vorzunehmen, ob er wie ein Party-Gänger und Abstandsverweigerer – vulgo: Virenschleuder – ausschaut?

Viel Abstand bedeutet viel Sicherheit, das haben wir während des Lockdowns gelernt. Wer völlig auf Kontakte verzichtet, ist völlig sicher. Wir mussten bei der Gelegenheit allerdings auch feststellen, dass überleben nicht das gleiche wie leben ist. Wir alle sind zur sozial distanzierten Fahrgemeinschaft auf dem Corona-Coaster geworden: Dünnhäutig, müde, in der Reizarmut des ewig gleichen Einerleis im Home Office zugleich überfordert und unterfordert. Der Frühling geht vorbei, der Sommer kommt. Jetzt sollte eigentlich das Leben anfangen. Aber wir warten ja noch. Worauf eigentlich? Auf einen Impfstoff? Auf ein Medikament? Und wenn die Wissenschaftler keines finden? Was macht Leben eigentlich aus, wenn nicht unsere sozialen Kontakte? Irgendwie fühlt sich seit Corona alles schal an. Wie lange halten wir das aus, das Warten? Geht das jetzt immer so weiter?

Eins ist uns inzwischen klar geworden: Das Leben als Einsiedler, so viel Sicherheit es uns bringen mag, ist keine Option. Was aber dann? Irgendwie müssen wir uns unser Leben zurückerobern. Das wird nicht einfach. Jeder von uns hat inzwischen diesen imaginären 1,50-Zollstock im Kopf und wird kribbelig, wenn uns der Hintermann an der Kasse zu nah kommt. Und jetzt? Ihn ansprechen, im Zweifel einen blöden Spruch kassieren? Gibt es keine Möglichkeit, unseren Sicherheitsbereich ein bisschen subtiler abzustecken ohne uns in einem Gummiball verstecken zu müssen.

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