Existenz im Wiederholungsfalle

Man müßte wieder sechzehn Jahre sein
und alles, was seitdem geschah, vergessen.
Man müßte wieder seltne Blumen pressen
und (weil man wächst) sich an der Türe messen
und auf dem Schulweg in die Tore schrein.

Man müßte wieder nachts am Fenster stehn
und auf die Stimmen der Passanten hören,
wenn sie den leisen Schlaf der Straßen stören.
Man müßte sich, wenn einer lügt, empören
und ihm fünf Tage aus dem Wege gehn.

Man müßte wieder durch den Stadtpark laufen
mit einem Mädchen, das nach Hause muß
und küssen will und Angst hat vor dem Kuß.
Man müßte ihr und sich, vor Ladenschluß,
für zwei Mark fünfzig ein paar Ringe kaufen.

Man würde seiner Mutter wieder schmeicheln,
weil man zum Jahrmarkt ein paar Groschen braucht.
Man sähe dann den Mann, der lange taucht.
Und einen Affen, der Zigarren raucht.
Und ließe sich von Riesendamen streicheln.

Man ließe sich von einer Frau verführen
und dächte stets: das ist Herrn Lehmanns Braut.
Man spürte ihre Hände auf der Haut.
Das Herz im Leibe schlüge hart und laut,
als schlügen nachts im Elternhaus die Türen.

Man sähe alles, was man damals sah.
Und alles, was seit jener Zeit geschah,
das würde nun zum zweitenmal geschehn …
Dieselben Bilder willst du wiedersehn?

Ja!


(Erich Kästner)

6 CommentsLeave a Comment


  • maik

    5 Jahre ago

    Will ich nochmal 16 sein? Wieder ganz von vorn anfangen? Mich vor irgendwelchen Mädels zum Deppen machen und alle Erkenntnisse, die mir das Leben brachte, noch einmal durchleben? Nein, wohl kaum!

  • Chritzel

    5 Jahre ago

    Ich bin noch 16, aber bei uns läuft das alles irgendwie etwas anders als in dem Gedicht beschrieben omg

  • Andre

    5 Jahre ago

    O, noch kein einziger Fürspruch für diese Zeilen und das Ja.

    Dann übernehm ich das mal.
    Fürspruch.

    Allein vom Lesen wird das Herz ein bisschen leichter. Nochmal vor die Abgestumpftheit spulen, das wär’ schon ‘ne lässige Nummer ;)

  • miko

    5 Jahre ago

    Njörf… nicht wirklich.
    Vier Jahre später bin ich schlauer, was hat man nicht alles für’n Mist verzapft.
    Also wirklich, es gibt schon nen Grund, warum man immer älter wird und eben nicht in der Zeit reisen kann ;)

    Was veranlasst dich dazu, dieses Gedicht zu posten?

    Lieben Gruß,
    miko

  • Sebastian W.

    5 Jahre ago

    @mirko ich fande es einfach so wunderschön, aber warte mal noch 10 Jahre dann wirst du auch anders empfinden.

  • Fragment einer Auferstehung

    Der Engel stemmt mit den Trompetenstößen
    die Steine auf-, und sie, in parallelen
    Entschlüssen, strecken sich nach ihren Seelen,
    die Oben stehn, geordnet nach den Größen

    Rainer Maria Rilke, 24. oder 25.6.1911, Paris

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